INTERVIEW | Eine nachhaltige Bekleidungsmarke mit “Meer”wert: Wie ein Unternehmen die nachhaltige Textilindustrie und den Schutz der Meere unterstützt.

 

Kleidung als Plattform zu nutzen – das ist die Intention der SALZWASSER-Gründer Lennart und Jan. Die beiden möchten in der Textilindustrie etwas verändern und zum nachhaltigen Umdenken beitragen. Gleichzeitig nutzen sie SALZWASSER, um auf die Wichtigkeit unserer Meere und den Schutz dieser aufmerksam zu machen. Mit Teilen ihres Umsatzes setzen sie sich außerdem aktiv für Ozeanschutz-Projekte und -Vereine ein.

LifeVERDE: Salzwasser – euer Markenname bezieht sich auf die Meere und Ozeane, für deren Schutz ihr euch einsetzt. Welche Maßnahmen verfolgt ihr, um das zu erreichen?

LENNART: Wir möchten Aufmerksamkeit für die Potenziale und Herausforderungen der Meere und Ozeane schaffen. Ihnen kommt auch in der Klimakrise eine Schlüsselrolle zu. Durch den Vertrieb von hochwertigen, langlebigen und zeitlosen Textilien wollen wir einen umweltpolitischen und gesellschaftspolitischen Auftrag verfolgen. Teile der Umsätze werden in gemeinnützige Projekte im Sinne des Meeres- und Ozeanschutzes weitergeleitet. Ganz konkret konnten wir bisher u.a. den Verein „Küste gegen Plastik“ und das Projekt „Pacific Garbage Screening“ unterstützen.

Bild: SALZWASSER

Neben dem Unternehmen haben wir nun einen eigenen gemeinnützigen Verein gegründet. Hier konnten wir einen Kreis aus ehrenamtlich unterstützenden Menschen zusammentrommeln, um sich der Projektarbeit zu widmen. Der Verein erfüllt den Zweck, Gelder zu sammeln und transparent an Projekte im Bereich des Umwelt- und Naturschutzes mit einem Fokus auf Meere und Ozeane weiterzuleiten. Neben den Einnahmen aus dem Vertrieb der Kleidung (zwischen 1€ und 4€ pro Artikel) sollen auch Mitgliedsbeiträge, Spendenveranstaltungen oder Fördergelder den finanziellen Hebel erhöhen.

So wollen wir mit dem Social Business Modell aus GmbH und gemeinnützigem Verein Vorteile aus beiden Bereichen nutzen, um Gelder an Stellen mit gesellschaftlichem Mehrwert zu leiten, anstatt private Taschen zu füllen.

Wie entstand Salzwasser und die Idee, nachhaltige Bekleidung und Meeresrettung zu verbinden?

Wir (Jan und ich) wollten uns unbedingt zusammen selbstständig machen. Immer wieder hatten wir Ideen, aber wie so oft fehlte uns für vieles das technische Knowhow und wir fanden nicht die entsprechenden Leute.

Bild: SALZWASSER

SALZWASSER lief neben dem Studium als Projekt. Zunächst war SALZWASSER ein Blog mit Fotos und kleinen Geschichten zu (Surf-)Reisen. Dann kamen die ersten T-Shirts für die beteiligte Crew, dann für Freundesfreunde. Bis wir uns seit Anfang 2018 intensiver über SALZWASSER als Unternehmen und Marke ausgetauscht haben, war es gar nicht zwingend als solches gedacht. Bis Ende 2019 haben wir studiert, immer fokussierter über die Möglichkeit einer Bekleidungsmarke diskutiert und schließlich den Entschluss gefasst: Wir gründen eine nachhaltige Bekleidungsmarke mit Mehrwert und denken dabei Unternehmen und Wirtschaft anders.

Mit SALZWASSER nutzen wir Kleidung als Plattform, um diese Überzeugungen tragbar zu machen. Ganz nach dem Motto “wear your conviction“. 

Denn Kleider machen Leute. Kleidung ist auffällig und weckt Interesse. Kleidung dient als Ausdrucksform und es wird viel drüber geschnackt. So kann es Ausgangspunkt für Austausch und Diskussionen sein.

Eine interessante Story. Ihr möchtet damit die „schmutzige“ Mode-Industrie sauberer und nachhaltiger machen. Welche Ansätze verfolgt ihr dabei?

Wir wissen, dass die Textilindustrie die zweitschmutzigste Industrie der Welt ist und dadurch direkte sowie indirekte Auswirkungen auf unsere Meere und Ozeane hat. Wir wollen einen entscheidenden Teil zu einer nachhaltigeren Bekleidungsbranche beitragen, indem wir Alternativen schaffen und ein Umdenken in der Branche sowie bei Konsument*innen vorantreiben. Kleidung ist ein Konsumgut. Wir alle wissen, dass jeglicher Konsumverzicht tendenziell besser ist, als die nachhaltigere Alternative zu konsumieren. Trotzdem sind Textilien das größte Konsumgut der Welt. Die Branche ist schmutzig und hier braucht es viel Anstrengung, um auf Missstände aufmerksam zu machen.

Nachhaltige Kleidung sollte kreislauffähig sein. Vereinfacht: Reduce, Reuse, Recycle.

Bild: SALZWASSER

Nachhaltig hergestellte Kleidung sollte zunächst aus Materialien bestehen, die nachhaltig angebaut, geerntet und weiterverarbeitet wurden. Im besten Fall auch aus recycelten Materialien. Der Energie- und Wasserverbrauch sollte minimiert werden. Chemikalien und Pestizide sollten vermieden werden. Die Kleidung sollte langlebig sein und eine lange Nutzungsphase durchleben. Dazu gehört neben der Materialqualität auch, dass sie keinen kurzlebigen Trends folgt, sondern zeitlos und schlicht designt ist. Während der Nutzungsphase wird Kleidung gewaschen und setzt dabei Mikrofasern frei. Daher sollte die Kleidung aus organischen Materialien bestehen und keine plastikbasierten Kunstfasern enthalten, denn diese gelangen u.a. in die Meere und belasten die Umwelt. Letztendlich sollte die Kleidung keine ökologisch bedenklichen Stoffe enthalten und eine Monomaterialkomposition aufweisen, um das Recycling zu vereinfachen. D.h. es sollten 100% Artikel sein: 100% Bio-Baumwolle, 100% Tencel, 100% Modal, 100% Hanf.

Wir setzen auf natürliche Fasern. Hauptsächlich Bio-Baumwolle, aber auch Merinowolle. Die Näh- und Stickgarne sind Viskose-basiert und daher ebenfalls organisch bzw. cradle-to-cradle fähig. Um auch weiterführende Fertigungsschritte und die gesamte Lieferkette ökologisch und sozial nachhaltig zu gestalten, sind wir mit unserem gesamten Sortiment nach dem Global Organic Textile Standard (zertifiziert.

Soziale Aspekte, wie Arbeitsbedingungen innerhalb der Lieferkette unserer Artikel, überprüfen wir am liebsten selbst, indem wir vor Ort sind und die Unternehmen besuchen. Darüber hinaus werden soziale Standards durch die GOTS-Zertifizierung gewährleistet. Wir sprechen vor Ort mit Angestellten und den Verantwortlichen, erkundigen uns zu Lohnniveaus und Arbeitsumständen. Über unsere Website, die Kanäle in sozialen Netzwerken, wie auch durch unseren Newsletter informieren wir transparent darüber und stellen Bild- und Videomaterial zur Verfügung. Wir wollen erreichen, dass Interessierte und Kunden transparente, glaubwürdige Einblicke erhalten.

Welche Herausforderungen begegnen euch auf dem Weg Richtung nachhaltige Mode?

Als junge Marke und kleines Unternehmen mit begrenzten finanziellen Mitteln ist es natürlich schwierig, direkt für ein Umdenken in der Branche zu sorgen. Vor allem kommen wir nicht aus dem Textil-Bereich und hatten kaum Erfahrung. Wir mussten viel recherchieren und lernen. Daneben muss das Unternehmen sich natürlich auch finanziell tragen. Mit Slogans, wie der „100% Kaufentscheidung“ werben wir weniger für den Kauf, sondern vor allem für die bewusste Entscheidung eines Konsums. Viele Wertvorstellungen bremsen sicherlich die finanziellen Möglichkeiten – doch diese Abstriche machen wir gerne. Was die textile Kreislaufwirtschaft anbelangt, gibt es in der gesamten Industrie viel Aufholbedarf, besonders im Recyclingbereich. Die Kleidung muss natürlich entsprechend kreislauffähig entwickelt werden, doch um effektiv Kleidung nach der Nutzungsphase von Kund*innen zurückzuerhalten, braucht es rückwärtsgewandte Logistikstrukturen.

Tatsächlich waren es allerdings auch ToDo’s, wie die Website bzw. das Shopsystem und die Entwicklung und Planung der Produktionen in Portugal. Das haben wir zu großen Teilen von verschiedenen Orten gemacht. Gleichzeitig kamen wir aus dem Studium und mussten diesen Switch hinbekommen vom Studi-Leben zum mobilen Vollzeitjob in einem zweier Team, ohne an einem Ort zu sein.

Jetzt sind wir an einem Punkt, wo es neben dem alltäglichen Geschäft und der strategischen Planung um den Aufbau von Strukturen geht, um mittelfristig ein Team aufzubauen. Das ist in Kombination mit den nötigen Fähigkeiten der Koordination und Führung eine riesige Herausforderung.

Eure Materialien sind hauptsächlich Bio-Baumwolle, Merino-Wolle und recyceltes Polyester. Welche Eigenschaften haben euch überzeugt, diese Materialien als nachhaltige Alternative zu verwenden?

Bild: SALZWASSER

Weltweit wird die meiste Bio-Baumwolle auf Farmen angebaut, die mit Regenwasser arbeiten. Es findet also keine Bewässerung mit Frischwasser statt. Der Boden ist aufgrund der beachteten Fruchtfolge gesund, enthält mehr organische Substanz und speichert Wasser 50% besser als herkömmlich bewirtschafteter Boden. Der Wasserverbrauch beim Anbau von Bio-Baumwolle ist bis zu 91% geringer als bei konventioneller Baumwolle. Der Anbau von Bio-Baumwolle spart außerdem bis zu 46% CO₂ im Vergleich zu konventioneller Baumwolle. Im Bereich der GOTS-Zertifizierung werden außerdem umweltschädliche oder gesundheitlich bedenkliche Chemikalien und Pestizide vermieden.

Merinowolle ist eine besonders feine und hochwertige Schafwollqualität. Ein einzigartiger, nachwachsender und biologisch abbaubarer Rohstoff. Im Gegensatz zu Kunstfasern wie Polyester, Polyamid oder Acryl gibt die Wolle beim Waschen keine winzigen Plastikpartikel in das Grundwasser und die Meere ab.  Wollprodukte haben außerdem in der Regel eine lange Lebenszeit. Beim Ursprung der Merinowolle zeigen sich die Schattenseiten der Naturfaser, die hauptsächlich von Tieren aus Australien und Neuseeland stammt. Hier gibt es ähnlich wie in der Fleischproduktion kritische Aspekte. Eine schmerzhafte Behandlung zur Vorbeugung des Parasitenbefalls – das so genannte Mulesing – gilt zurecht als Tierquälerei. Es geht auch ohne! Artgerechte Tierhaltung, umweltverträgliche Produktion und Weiterverarbeitung sowie strenge Herkunftskontrollen werden durch Zertifizierungen wie dem GOTS gesichert. 

Recyceltes Polyester verwenden wir nur noch vereinzelt und wollen das Material in alltäglicher Kleidung, die oft gewaschen wird, mittelfristig vermeiden. Jedes Jahr werden um die 100 Millionen Barrel Rohöl für die Herstellung von neuem Polyester genutzt. Zwei Drittel hiervon fließen in die Produktion von synthetischen Fasern der Textilindustrie. Knapp 49% der weltweiten Bekleidung bestehen aus Polyester und es wird prognostiziert, dass sich dieser Anteil bis 2030 fast verdoppeln könnte. Der Großteil der Kleidung stammt entsprechend aus der endlichen und nicht erneuerbaren Ressource Erdöl. Recyceltes Polyester hat die identischen Materialeigenschaften und bringt dieselben Vorteile mit sich, während bei der Materialgewinnung Energiebedarfe und CO₂-Emissionen reduziert sowie Ressourcen geschont werden können.

Passend für den anstehenden Herbst und Winter gibt es bei euch kuschelige Mützen in verschiedenen Farben. Welche Produktionsschritte durchläuft eine solche Mütze, bis sie in eurem Shop landet?

Bild: SALZWASSER
Bild: SALZWASSER

Die Mützen, Stirnbänder und Schals werden regional in Norddeutschland gefertigt. Alle Fertigungs- und Weiterverarbeitungsschritte nach der ersten Schur liegen dabei in der Familienstrickerei. Das heißt, die gesäuberten Fasern werden hier zu Garnen gesponnen und entsprechend der GOTS-Richtlinien eingefärbt. In der Folge werden in den Strickmaschinen die jeweiligen Mützenschnitte gestrickt. Hierbei wird auch das Wasch-Etikett und das GOTS-Label mit der Zertifizierungsnummer eingenäht. Zuletzt wird das SALZWASSER-Patch an die Artikel angenäht.

T-Shirts und Longsleeves zählen ebenso zu eurem Sortiment. Was zeichnet diese aus?

Bild: SALZWASSER

Neben der verwendeten Bio-Baumwolle und der umfassenden Zertifizierung durch den GOTS zeichnen sich die T-Shirts und Longsleeves, aber auch die Sweater und Hoodies, durch eine höhere Grammatur aus. Gemeint ist das Stoffgewicht (g=grammage) pro Quadradmeter (sm=square meter).

SALZWASSER T-Shirts liegen mit 190gsm über dem Marktdurschnitt. Bei Longsleeves, Sweatern und Hoodies reicht die Grammatur von ca. 300gsm bis 500gsm und liegt damit im absoluten Premiumbereich. Die Angabe allein sagt nichts über die Qualität eines Textils aus. Dennoch sind höhere Stoffgewichte häufig widerstandsfähiger, langlebiger und hochwertiger.

Bei Sweatern und Hoodies setzen wir außerdem auf hochqualitative Webstrukturen auf der Innenseite, um ein weiches und natürliches Gefühl hinzubekommen. Das gesamte Sortiment überzeugt durch den natürlichen, griffigen, leicht rauen Touch. Viele Kund*innen berichten uns vermehrt, dass sie kein vergleichbares Kleidungsstück kennen, dass sich so hochwertig anfühlt.

Was sind eure Wünsche und Ziele, die ihr mit Salzwasser weiterhin erreichen möchtet?

SALZWASSER ist eine nachhaltige Bekleidungsmarke, die für ökologisch nachhaltige und faire Produktions- und Herstellungsprozesse sowie die Zusammenarbeit mit regionalen europäischen Produktionsstätten steht. Nachhaltigkeit verstehen wir natürlich in den drei Dimensionen: sozial, ökologisch, ökonomisch. Damit meinen wir jedoch nicht lediglich die Rohstoffe oder Materialien. Wir sind Überzeugungstäter und drehen jeden Stein um – von der Lagerhaltung und dem Versand, über die Finanzdienstleistungen bis hin zur Mittelverwendung von potenziellen Profiten. Darüber hinaus gewährleisten wir höchste Transparenz nicht lediglich in den Produktionsabläufen, sondern auch unternehmensintern, was beispielsweise Preisgestaltungen anbelangt.

Natürlich ist unser Ziel, ein nachhaltiges Geschäftsmodell aufzubauen, wovon wir leben können. Das heißt, wir versuchen mit der Marke SALZWASSER im sozialen und ökologischen Rahmen ein Vehikel zu schaffen, das sich finanziell lohnt und wirtschaftlich trägt. Wir verfolgen unternehmerische Ansätze, um Geldströme im Sinne des Meeres-, Küsten- und Umweltschutzes sinnvoll zu lenken.

Wichtig ist uns, dass wir das ökonomische in den ökologischen und sozialen Rahmen drücken und nicht umgekehrt. Andersrum wurde lange genug und oft genug getan und die Nachteile daraus werden immer deutlicher.

Es geht bei SALZWASSER vor allem nicht darum, Geld zu investieren und dieses Geld zu vermehren. Mittel und Zweck darf nicht dasselbe sein. Wir verfolgen hierbei einen gemeinwohlökomischen Ansatz, wonach Geld lediglich das Mittel zum Zweck ist. Dieser Zweck ist nicht die Geldmehrung, sondern das Angebot an hochwertiger, nachhaltiger Kleidung, worüber wir einen Diskurs anstoßen wollen.

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Bilder: SALZWASSER

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