INTERVIEW | Sie kann man nicht nur auf der großen Leinwand sehen, sondern auch im eigenen Kleiderschrank zu Hause, Anita Pavanis Stoffe aus Naturfaser haben Hollywood- und Textilgeschichte geschrieben.

Am Set von Harry Potter, Game of Thrones und co. durften sie nicht fehlen, die nachhaltigen Stoffe von Anita Pavani. Sie erzählt uns heute ihre ganz persönliche Stoffgeschichte.

Nachhaltige-Mode.de: Frau Pavani, Sie und Ihre Stoffe sind schon seit Jahrzehnten im Geschäft, stellen Sie sich und ihre Marke bitte kurz vor.

ANITA PAVANI: Seit 42 Jahren vertreiben wir Naturfaserstoffe, also Stoffe aus natürlichen Fasern pflanzlicher Herkunft wie Baumwolle, Leinen, Hanf, Ramie und Brennnessel und animalischer Herkunft wie Seide, Wolle und die sog. Edelhaare, Cashmere, Alpaka, Mohair und dergleichen.  
Wir begannen zu einer Zeit, als moderne Synthetik-Fasern mit so wohlklingenden Namen wie Dralon, Trevira, Nylon und Acryl den Textilmarkt beherrschten.  Stoffe aus reinen Naturfasern führten ein kaum beachtetes Nischendasein und Leinen war praktisch ausgestorben.
Nachhaltigkeit, Ökologie und Bio-Zertifikate für Textilien waren noch in ferner Zukunft. Reine unbehandelte Naturfaserstoffe zu finden war schon schwer genug und glich der berühmten Stecknadelsuche im Heuhaufen.

Die meisten deutschen Webereien gaben zu dieser Zeit auf, da sie mit der zunehmenden Billig-Massenware aus Fernost nicht mithalten konnten. Billig war oberstes Gebot.
Wir begannen eigene Stoffideen produzieren zu lassen und importierten kostbare, handgearbeitete Stoffe aus Indien, Südamerika und Afrika, um so einen Beitrag zum Erhalt der weltweiten Textilkultur zu leisten, was wir bis heute tun, dennoch verschwindet immer mehr davon. 
Über viele Jahre haben wir Stoffe mit Pflanzenfarben auf Industriemaschinen gefärbt.

Heute haben wir eine große Kollektion der schönsten Naturfaserstoffe aus vorwiegend europäischer Produktion, wobei wir auf Qualität, Schönheit und Ökologie gleichermaßen achten. Viele unserer Stoffe sind Bio-zertifiziert, edle Designerstoffe gibt es saisonal und zu drastisch reduzierten Preisen, kostbare Stickereien und Jacquards, aber auch einfache Gebrauchsmaterialien oder ein Jeansstoff aus echtem Hanf, sowie Brennnesselstoffe aus Nepal gehören dazu. 

Wir beliefern Endverbraucher ebenso wie Designer, Raumausstatter, Schulen, Hotels, Museen und Kostümbildner von Film und Theater. So spielen unsere Stoffe in vielen bekannten Filmen und Serien mit, wie z.B. in allen Harry-Potter-Filmen, in Game of Thrones, im Parfüm, Geisterhaus, Little Women, um nur einige zu nennen. Eine neue große Netflix-Serie (Die Barbaren) mit vielen Stoffen aus unserem Haus ist derzeit in Produktion.

Unsere “Marke” und hat sich im Laufe der Jahre mehrmals geändert. So begannen 1978 wir mit der Firmierung “Stoff aus Naturfaser”, danach gab es eine Zeit lang “Anita Pletsch” ab dem Beginn des 21. Jahrhunderts nahm ich meinen Mädchennamen wieder an und wir nennen uns “Anita Pavani Stoffe”.

Was macht Ihr Sortiment und Ihre Produkte aus?

Ganz sicher die Einmaligkeit des über Jahrzehnte gewachsenen Sortiments, die Qualität und Schönheit ausgesuchter Naturfaserstoffe. Bei unserer Präsentation im Internet achten wir auf sehr gute Fotos, die ein fast haptisches Erleben der Stoffe ermöglichen. Selbstverständlich können zu allen Stoffe Muster angefordert werden.

Achten Sie auch auf Nachhaltigkeitssiegel und -zertifizierungen? 

Soweit es möglich ist, kaufen wir Bio- oder GOTS-zertifizierte Stoffe.  Viele Menschen denken, mit Bio-Textilien wird analog einer Fleischbeschau verfahren, alles, was in Ordnung ist, bekommt einen BIO-Stempel. Dem ist ganz und gar nicht so!  Bio-Siegel sind aufwändig und teuer und nur, wenn man selbst zertifiziert ist, darf man zertifizierte Stoffe wie z.B. GOTS als solche verkaufen. Eine Zertifizierung kostet Geld, schon deswegen, weil der Werdegang eines Textils sehr viel länger ist als der von Lebensmitteln und jeder einzelne Schritt zertifiziert werden muss. Also nicht nur der Anbau, auch der Spinner, der Weber, der Ausrüster und jeder Händler zwischendrin. Falls auch nur ein Händler dazwischen nicht zertifiziert ist, darf die Ware nicht mit dem Zertifikat verkauft werden, auch wenn sie noch so “bio” ist.
Aufgrund dieser Komplexität gibt es Zertifizierungen nur für großindustrielle Produkte.  Kleine Firmen, handgearbeitete Stoffe, Naturfarben und dergleichen können nicht zertifiziert werden, selbst bei allerbester Bio-Qualität wie z.B. unsere Textilien aus “Allo”, einer nepalesischen Brennnesselfaser, unsere nachhaltigsten Produkte überhaupt – vom Transportweg abgesehen.
Auch ist der Geruch von Stoffen aus einer nicht zertifizierten kleinen deutschen Wirkerei oft wesentlich angenehmer als der von GOTS-Stoffe aus der Türkei.
Zudem sehe ich einen großen ressourcenschonenden Aspekt in Qualität und Schönheit von Stoffen, die einfach lange und gerne getragen werden.

Zu diesen Zeiten wird auch Soziale Nachhaltigkeit großgeschrieben. Was bedeutet dieser Wert für sie und Ihr Unternehmen?

Wir verkaufen keine Billigware zu Dumping-Preisen und beziehen unsere Stoffe soweit möglichst aus Europa, die meisten Produktionsstätten sind uns persönlich bekannt.

In welchem Preissegment würden Sie Ihre Stoffe einordnen?

Von ca. 1,50 bis 200,00 € pro laufenden Meter.

Welche Veränderungen haben Sie in der Branche in Bezug auf Nachhaltigkeit über die Jahre festgestellt?

Nachhaltigkeit ist gefragt, auch wenn dieser Begriff alles verspricht und nichts beinhaltet, somit wird heute fast alles als “nachhaltig” verkauft, der Begriff wird m. E. inflationär benutzt.


Ein Beitrag von: Marlit Kumpf
Bilder: Anita Pavani Stoffe OHG

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