Die unsaubere Modeindustrie – Wie Kleidung wieder clean wird

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INTERVIEW | Menschenrechte in der Bekleidungsindustrie werden oft vernachlässigt oder sogar ignoriert. Dort macht die Clean Clothes Campaign Druck! Was saubere Kleidung genau bedeutet und was mit vergangenen Projekten und Kampagnen schon alles erreicht wurde, erfährst du hier. 

Was bedeutet saubere Kleidung in diesem Kontext überhaupt? Wieso ist Mode im Umkehrschluss “dreckig”? Ist meine Kleidung nicht automatisch sauber, sobald sie gewaschen ist? – Nicht unbedingt.  Die Kampagne Clean Clothes Campaign bringt die „Schattenseite der Modeindustrie ans Licht“.  Hierbei ist Solidarität die Devise. Indem Druck auf Politik und Unternehmen ausgeübt wird, verbessert das Netzwerk langfristig Arbeits- und Lebensbedingungen der Beschäftigten in der Textil-, Sport-, Schuh- & Lederindustrie weltweit. Wie sie das genau erreichen, erfährst du in diesem Interview mit Bettina Musiolek.

Nachhaltige-mode.de: Hallo liebe Bettina, was bedeutet für dich bzw. für euch “Saubere Kleidung“?

Bettina Musiolek, Clean Clothes Campaign Ko-Koordinatorin für die Region Europa-Süd/Ost: „Sauber“ heißt für uns als Clean Clothes Campaign “ohne Verletzung von Menschenrechten”. Menschenrechte sind kodifiziert in verschiedenen Völkerrechtsdokumenten. So beispielsweise auch in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der UN aus dem Jahr 1946. Diese Grundrechte beinhalten politische Rechte wie die Vereinigungsfreiheit und wirtschaftlich-soziale Rechte wie das Recht auf einen existenzsichernden Lohn.

Wie ist die Organisation Clean Clothes Campaign aufgebaut?

Es ist ein globales Netzwerk bestehend aus ca. 250 Nicht-Regierungsorganisationen und Gewerkschaften, die sich alle für die Verbesserung der menschenrechtlichen Situation in der Bekleidungsindustrie einsetzen. (cleanclothes.org)

Mitglieder der CCC sind einerseits Arbeitsrechtsorganisationen in den Ländern, wo Bekleidung hergestellt wird, und andererseits dort, wo Bekleidung gekauft wird. Die CCC basiert auf einer globalen Solidarität zwischen den Produzent*innen und den Konsument*innen von Bekleidung – jedoch nicht als paternalistische Charity, als Wohlfahrt mit Nord-Süd- bzw. Ost-West-Gefälle, sondern auf beiden Seiten mit je eigenen konkreten Rollen, die sich gegenseitig bedingen.

Welche Ziele hat die Clean Clothes Campaign bisher erreicht?

Das Erreichte liegt auf zwei Ebenen. Zum einen auf der Ebene der gesamten Branche. Es gibt kaum eine Branche, in der das Akteursgefüge hinsichtlich der Unternehmensverantwortung für Menschenrechte so weit entwickelt ist. Das ist maßgeblich auf das Wirken der CCC in den letzten 30 Jahren zurückzuführen. Ein Beispiel ist die Gründung von Multistakeholder-Initiativen wie die Fair Wear Foundation vor 20 Jahren. Diese Initiative wurde gegründet, um das globale soziale Regulierungsvakuum zu füllen. Es gibt beispielsweise kaum einen Modehändler, der nicht anerkannt hätte, dass es ein menschenrechtliches Problem in der Lieferkette gibt. Deswegen ist es wichtig, mit anderen Stakeholdern zusammen zu arbeiten.

Alle acht Grundrechte, die zuerst im Arbeitsverhaltenskodex der CCC 1998 formuliert wurden, sind mittlerweile auch von den Modehändlern als Basis-Set von Rechten in der Branche unangetastet und kommen in fast allen Verhaltenskodizes vor. Wir legen immer wieder den Finger in die Wunden und geben Beschäftigten eine Stimme – unbestechlich und wasserdicht recherchiert. Wir haben maßgeblich das erste einklagbare landesweite Abkommen für die Verbesserung von Arbeitsbedingungen mitinitiiert – den Bangladesch-Accord, das Gebäude- und Brandschutzabkommen. Auf dieser Ebene haben wir sehr viel erreicht. Das wird uns auch von den Modemarken bescheinigt.

Die zweite Ebene des Erreichten ist die Mikroebene. In einzelnen Fällen von Menschenrechtsverletzungen haben wir sehr viel erreichen können. So mussten Adidas und Nike im Falle eines indonesischen Lieferanten 2016 oder kik für die Brandopfer in Pakistan Millionen Dollar Entschädigung an Arbeiter*innen und ihre Familien zahlen – nach internationalen Kampagnen. Es gibt bei der CCC ein ausgefeiltes System von Eilaktionen, das sehr wirksam ist.

Wie positioniert ihr euch zum Thema existenzsichernde Löhne?

Es ist ein Menschenrecht und es wird höchste Zeit, dass Beschäftigte in der Bekleidungsindustrie weltweit diesem Recht näher kommen, was leider bislang nicht der Fall ist – trotz aller Beteuerungen der Modehändler. Wir haben für Asien eine Kluft von durchschnittlich 1 zu 3 tatsächlicher Lohn vis a vis Existenzlohn recherchiert, für Europa liegt diese Kluft bei 1 zu 4.

Welche Tipps hast du für ethisches Shopping?

Kaufen Sie, wo immer Sie kaufen wollen, aber vergessen Sie nie nachzufragen, wieviel denn die Näherin des Bekleidungsstückes, das Sie kaufen möchten, verdient und ob ihr Lohn in der Coronakrise weitergezahlt wurde. Natürlich werden Sie keine befriedigende Antwort erhalten. Aber es ist entscheidend, dass wir als Verbraucher*innen die Botschaft im Laden lassen, dass uns das nicht egal ist. Und die Botschaften der Verbraucher*innen wiederum sind den Marken und Händler gar nicht egal.

Sie werden sich wundern, dass ich nicht irgendwelche Siegel oder Mitgliedschaft in Initiativen zum Kauf empfehle. Meine Sicht ist jedoch die der Produktion. Seit über 20 Jahren recherchiere ich gemeinsam mit Partnerorganisationen vor Ort in europäischen Produktionsländern von Bekleidung. Es ist uns noch keine einzige Fabrik begegnet, die wesentlich besser wäre als alle anderen, also wo z.B. ein Existenzlohn gezahlt würde. Auch nicht solche Fabriken, die für Luxusmarken oder sogenannte Fair Fashion Label produzieren. Sie unterscheiden sich in nichts von anderen Fabriken. Die Verletzung von Arbeits- und Menschenrechten ist der Normalfall!

Ich möchte sehr betonen, dass es nicht unsere Verantwortung und „Schuld“ als Verbraucher*in ist, dass die Bekleidung so produziert wird, wie sie produziert wird. Die Hauptverantwortlichen sind die Modemarken und die Regierungen, einschließlich und besonders die deutsche. Die Modemarken zahlen so niedrige Preise an ihre Lieferanten, von denen keine menschenwürdige Produktion organisiert werden kann. Die Regierungen setzen politische Rahmenbedingungen, die die Ausbeutung der Beschäftigten zulassen.

Deshalb sind wir als deutsche Kampagne für Saubere Kleidung Teil der bundesweiten Initiative für ein Lieferkettengesetz, einem Gesetz, das Unternehmen mit Sitz in Deutschland dazu gesetzlich verpflichtet, Menschenrechte entlang ihrer Lieferketten einzuhalten. Zu dessen Unterstützung können Sie beitragen:

https://saubere-kleidung.de/2020/08/schluss-mit-der-blockade-herr-altmaier/

Es gibt zum Glück sehr viele Kampagnen weltweit, die faire Mode promoten. Allerdings kann man dabei schonmal schnell den Überblick verlieren und womöglich auch nicht so einfach die Green-Washer von den “Clean-Washern” unterscheiden. Was kannst du uns zu ähnlichen Organisationen sagen und mit welchen habt ihr evtl. schon zusammengearbeitet?

Aus oben genannten Gründen kann ich den Versprechungen und Behauptungen der sogenannten Fair Fashion Label und diese promotenden Initiativen nur skeptisch gegenüberstehen. Noch kein Fair Fashion Label konnte nachweisen, dass sie einen Existenzlohn zahlen. Noch keins hat mir bzw. denen, die nach meiner Kenntnis nachgefragt haben, eine befriedigende Antwort geben können. Die wenigen Lohndaten, die uns nachgewiesen werden konnten, zeugten von der schon beschriebenen tiefen Kluft zum Lohn zum Leben.

Nur ein Beispiel: Wenn in Rumänien, dem größten europäischen Produktionsland von Bekleidung 20%, mehr als der gesetzliche Mindestlohn gezahlt wird, was einige sogenannte Fair Fashion Marken vorgeben zu tun, ist dieser Lohn immer noch nur ein Viertel des Existenzlohnes, also himmelweit von einem existenzsichernden Lohn entfernt.

Und das ist nur ein Problemfeld, bei dem sich auch ‚ethische‘ Marken nicht hervortun. Ein anderes ist Gewerkschaftsfreiheit. Oder unzumutbarer Arbeitsschutz. Wir sind kürzlich auf einen Lieferanten von GOTS-Strümpfen gestoßen, der nicht nur Menschenrechte, sondern auch das Arbeitsrecht, also das Gesetz des Landes verletzt. Und das trotz der vielzitierten sozialen Normen im GOTS-Standard.

Die Clean Clothes Campaign arbeitet global mit Organisationen beispielsweise aus den USA wie dem Workers Rights Consortium WRC und den United Students Against Sweatshops USAS zusammen. In Deutschland jedoch ist das wichtigste Netzwerk, mit dem wir momentan intensiv zusammenarbeiten, die Initiative für ein Lieferkettengesetz.

Wie hat Covid-19 die Fair-Fashion-Industrie deiner Ansicht nach beeinflusst und welche langfristigen Auswirkungen sind zu erwarten?

Die Coronakrise zeigt überdeutlich, wie das Kräfteverhältnis und das Machtgefälle in Lieferketten aussieht. Diejenigen, die den Hauptpreis für stornierte und weiter runtergehandelte Aufträge bezahlen, sind die Arbeiter*innen. Angesichts der ohnehin gezahlten Löhne und der ohnehin herrschenden Bedingungen sind stornierte oder herausgezögerte Aufträge für die Beschäftigten schlicht eine Katastrophe. Sie leben eh von der Hand in den Mund, haben keine Rücklagen und sind abhängig von dem Job. Wenn, wie es jetzt passiert, sie in unbezahlten Zwangsurlaub geschickt werden oder ihnen aus fadenscheinigen Gründen zustehendes Gehalt nicht ausgezahlt wird, dann bedeutet das ein noch tieferen Sturz in die Armut. Einige haben sich gewehrt, beispielsweise in Bangladesch oder Albanien. Aber die meisten haben für Widerstand keine Zeit, sie müssen ihr Überleben sichern. Die neueste Studie von CCC und Workers Rights Consortium belegt einen durchschnittlichen Lohnverlust von einem Drittel – ca 5 Mrd EUR – zwischen März bis Mai.

Die langfristigen Auswirkungen werden ähnlich die der Finanz- und Produktionskrise 20008/9 sein: Sie wird auf dem Rücken der Arbeiter*innen ausgetragen – wenn wir es nicht schaffen, dagegen zu halten. So fordert die CCC von den Modehändlern eine Garantie, den Vorkrisenzustand der Löhne aufrechtzuerhalten.

Schließen Sie sich deshalb unserem Appell an die Modehändler an:

https://saubere-kleidung.de/2020/05/appell-an-modefirmen-corona-krise/

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Bildquellen: Clean Clothes Campaign und Unsplash

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